2.Workshop in
Indonesien und Bambusexkursion Bali
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Zum 2.Mal beteiligten wir uns im September 2007 an einem Workshop in
Indonesien. Thema des diesjährigen Workshops war die Problematik der
Wasserversorgung für die Reisfelder Westjavas und die Brauchwasserversorgung
für Jakarta. Besichtigt wurde auch das größte Wasserreservoir dieser Region,
der Staudamm Jatiluhur.
Den Höhepunkt der Reise bildete jedoch eine Bambusexkursion auf der Insel
Bali. Angefangen von der Anpflanzung, Züchtung und der Nutzung der über 1oo
verschiedenen Bambusarten in Bali bei der Designerin Linda Garland und Ihrer "Environmental Bamboo Foundation":
Linda Garland entstammt dem britischen Hochadel und kam Mitte der 70er Jahre
als junge Designerin und Architektin nach Bali. Fasziniert von den reichen
kunsthandwerklichen Traditionen der Balinesen machte sie die Insel zu ihrem
Lebensmittelpunkt und schuf sich in Bali ein eigenes kleines Reich. Ihre
balinesischen Kreationen machten sie bald zu einer der begehrtesten
Designerinnen für den internationalen Jetset, für den sie einige der
exklusivsten Ferienhäuser in Asien und der Karibik entwarf und baute.
Statement Linda Garland, Environmental Bamboo Foundation: (Quelle:
nzz-Format, Schweiz)
«Alles begann damit, dass ich Bambusmöbel herzustellen begann. Dabei
bemerkte ich, wieviele schöne Dinge aus Bambus hergestellt werden und die
Schönheit des Bambus weckte mein Interesse. Dann erst realisierte ich, wie
wichtig Bambus für die Umwelt ist. Ich begann, den Bambus zu studieren und
realisierte, dass Bambus das nachhaltige Holz der Zukunft ist.»
«Ich bin Designerin. Ich bin keine Umweltaktivistin und habe nichts so
studiert. Ich war einfach eine besorgte Bürgerin, die realisierte, dass
unsere Welt sich in einem schlechten Zustand befindet. 1990 flog ich über
Borneo und sah das ganze Ausmass der Zerstörung: Der ganze Regenwald war
verschwunden. Damals beschloss ich, etwas zu tun und ich war gerade auf
Bambus gestossen. Na ja, und seither ist einiges geschehen.»
Im Aufrage einer Hollywoodgrösse hat Linda Garland auf Bali gerade einen
ganzen Ferienhauskomplex errichtet. Wer in Hollywood etwas auf sich hält,
gibt sich heute ökologisch und grün. Beim Bau der Häuser hat sie auf alte
indonesische Traditionen zurückgegriffen und nur altes Holz und Bambus zum
Bau verwendet.
Statement Linda Garland, Environmental Bamboo Foundation:
«Ich weiss, dass man über die Schönheit einer Sache das Interesse an ihr
wecken kann. Zuerst sieht man die Schönheit und dann kann man über die Sache
reden. Das ist einer der Gründe, weshalb ich Bambus in vielen meiner
Projekte gebrauche, zum Beispiel in den Häusern, die ich für David Bowie
oder Richard Branson gebaut habe. So kann ich vermitteln, wie wichtig Bambus
wirklich ist.»
Die dekorativen und konstruktiven Möglichkeiten des Bambus sind aber nur ein
kleiner Teil dessen, was Bambus zu leisten vermag.
Statement Linda Garland, Environmental Bamboo Foundation:
«Ich verwalte den Genpool der indonesischen Bambusarten – etwas über hundert
verschiedene Arten von Bambus wachsen auf meinem Grund.»
Jede der Bambusarten in Linda Garlands Garten verfügt über andere
Eigenschaften und birgt so auch unterschiedliche Verwendungszwecke. Heute
wird erst eine Minderheit von Bambussorten genutzt, manche Arten sind noch
kaum untersucht. Allen ist ein überaus schneller Wuchs gemeinsam: In den
Tropen ist ein Wachstum von über einem Meter pro Tag dokumentiert. Das
schnelle Wachstum wird ermöglicht durch das besonders nährstoffreiche
Wurzelsystem der Pflanze. Bambus ist eine der widerstandsfähigsten und
ältesten Pflanzen auf der Erde.
Statement Walter Liese, Professor für Holzbiologie:
«Bambus ist eine faszinierende Pflanze, es ist vielleicht eine der
faszinierendsten Pflanzen in der Welt. Es ist ein Gras. Genauso anatomisch
aufgebaut in seinen Lebenseigenschaften wie unsere Gräser im Garten. Bei den
Gräsern unterscheiden wir zwei Arten: Wir haben einmal das Gras, das den
Rasen bildet aus einzelnen Halmen bestehend und dann haben wir ein gras, das
horstförmig, klumpartig wächst. Diese beiden Wuchsformen haben wir auch beim
Bambus. Aber der Bambus hat unglaubliche biologische Eigenschaften: Er
wächst innerhalb von drei bis vier Monaten zu seiner vollen Höhe heran, in
den Tropen 20, 30, 35 Meter in drei bis vier Monaten. Das ist einzigartig;
es gibt keine Pflanze in der Welt, die so schnell wachsen kann.»
In China hiess es früher, dass wer Bambus pflanze, auch Wasser pflanze.
Linda Garland ist dem nachgegangen.
Statement Linda Garland, Environmental Bamboo Foundation:
«Ich habe gelesen, dass Bambus, den Grundwasserpegel anzuheben vermag, zum
Beispiel auf Land, das abgeholzt wurde. Ich habe deshalb die Probe gemacht
und den Bambus hier auf einer Wasserquelle angebaut, die fast versiegt war.
Und seitdem wir den Bambuswald gebaut haben, haben wir über 2,5mal mehr
Wasser als vorher. Wasser ist eines der dringlichsten Probleme unseres
Planeten. Bäume können ungefähr 35-40% des ihnen zugeführten Wassers nutzen,
während Bambus 90% nutzt. Der Bambus besteht aus einer Serie von osmotischen
Rohren, die Wasser sehr effizient einlagern. Als die Conquistadoren
Südamerika eroberten, machten sie sich das zunutze und schnitten einfach
Bambus: Zwischen den beiden Nodien mancher Bambusarten sind bis zu zwei
Liter Wasser eingelagert. Ursprünglich dachte ich, Bambus sei in erster
Linie das Holz der Zukunft; dann habe ich herausgefunden, dass Bambus auch
einen sehr positiven Effekt auf den Grundwasserpegel hat. Aber Bambus ist
auch ein Baustoff, den sie jedes Jahr neu ernten können.»
Der Bambus erreicht seine volle Höhe zwar in nur drei bis vier Monaten,
geerntet werden sollte er jedoch erst, wenn er nach drei Jahren verholzt
ist. Auch sollte nie mehr als ein Drittel der Halme pro Jahr gefällt werden
– ansonsten besteht die Gefahr, dass der Bambus abstirbt.
Linda Garland, Environmental Bamboo Foundation:
«Pro Pflanze lassen sich jedes Jahr 10-13 Halme ernten. Man erntet den
Bambus beinahe so, wie man Früchte von einem Baum pflückt. Bambus verbreitet
sich enorm rasch und ist sehr produktiv.»
Vom idyllischen, ruhigen und traumhaft schönen Anwesen von Frau Linda
Garland ging die Exkursion weiter zum Anwesen von John Hardy, der die
Verwendung von Bambus industrialisiert und alle Möglichkeiten der Nutzung in
fabrikähnlicher Fertigung aufbaut.
Nur wenige Kilometer entfernt von Linda Garlands Bambusstiftung, im Zentrum
von Bali, befindet sich das Hauptquartier des Schmuckproduzenten John Hardy.
Obwohl 700 Menschen hier arbeiten, sind die Gebäude aus der Ferne kaum von
den Reisfeldern der Umgebung zu unterscheiden. Die Gebäude sind
hauptsächlich aus Bambus gebaut und, wie ihr Erbauer halb scherzhaft
bemerkt, deswegen auch biologisch abbaubar.
Statement John Hardy, CEO John Hardy Jewelry:
«Als ich zuerst nach Bali kam, wohnte ich in einem Bambushaus, das beinahe
in sich zusammenfiel. Ich hasste das Bambus-Haus und wollte unbedingt eines
aus Backsteinen und Zement. Glücklicherweise traf ich auf Linda Garland, die
die Vorzüge des Bambus predigte. Zuerst dachte ich, sie sei verrückt. Doch
dann begann ich zuzuhören und ich realisierte, dass dem Bambus die Zukunft
gehört. Linda Garland war die Inspiration, für alle meine Bambus-Projekte.»
John Hardy kam 1975 als mittelloser Hippie nach Bali. Heute ist er der
fünftgrösste Schmuckverkäufer in den USA: Geschickt vermarktet er seinen
Schmuck als nachhaltiges Luxusprodukt mit kompromisslosem Öko-Image. Damit
hat er den Nerv der Zeit getroffen.
Zusätzlich zur Schmuckproduktion hat John Hardy mit der Produktion von
Bambus in einer Bambusfabrik begonnen. Hier wird Bambus gereinigt, für die
weitere Nutzung konserviert und es werden Möbel aus Bambus hergestellt. Wir
konnten den kompletten Produktionsablauf und ein neues, komplett aus Bambus
gebautes Bürogebäude besichtigen. Im Erdgeschoss war dem Lehmfußboden noch
am trocknen, im ersten OG gab es Computerarbeitsplätze und im zweiten OG das
Chefbüro.
Von der Bambusfabrik ging es über einen kleinen Fluß zu einem Gelände, das
als Wohngebiet ausgebaut werden soll und für das auch eine Schule geplant
ist. Der Weg über den Fluß führte über eine neu gebaute Bambusbrücke, die
vom Bambusarchitekten Jörg Stamm entworfen und gebaut wurde. Wir hatten das
Glück, dass Herr Stamm uns selbst führen konnte und wir alle Informationen
aus "erster Hand" erhielten.
John Hardy, CEO John Hardy Jewelry:
In den Tropen ist Bambus das günstigste Baumaterial überhaupt. Dank seiner
enormen Zug-, Stoss- und Tragfestigkeit lassen sich aus Bambus auch solide
und trotzdem günstige Brücken bauen – wenn man weiss wie... Führender
Experte beim Bau moderner Bambusbrücken ist der Deutsche Jörg Stamm.
«Es ist seine bisher schönste Brücke: 22 Meter Stützweite mit einem 45 Meter
langen Dachfirst. Erbaut mit gelbem, balinesischem Bambus, durchsetzt von
schwarzem Bambus. Eine Brücke der Zukunft, eine wunderbare Konstruktion.»
Statement Jörg Stamm, Bambus Architekt:
«Wenn man sich diese Brücke anschaut, dann kann man sehr deutlich einen
Tragbogen sehen und man sieht auch diese Zugelemente, diese Zugstangen, die
zu beiden Extremen hingehen; das ist uralt, das gab es auch schon vor
Hunderttausenden von Jahren. Die Natur bietet das an, denn Bambus ist enorm
zugfest: Wie Stahl. Ein Quadratzentimeter Bambus hat etwa die Zugfestigkeit
von Baustahl: 2 Tonnen. Bambus ist so hart wie Eiche, wächst aber dreimal
schneller als Fichte. Von daher, wenn man die Energiebilanz sieht, und sie
etwa zu anderen Edelhölzern, Tropenhölzern vergleicht, dann macht es nicht
nur Sinn mit Bambus zu bauen, dann muss man mit Bambus bauen, weil das ist
eine ökologische Alternative.»
Das nächste Ziel und der nächste Tag unserer Bambusexkursion führten uns zum
Firmengelände der Schmuckproduktion der Jewelry des John Hardy.
Das Zentrum seiner Produktionsstätte ist der Verkaufsraum: Einem
überdimensionierten Phantasie-Schiff nachempfunden besteht das 30 Meter hohe
Gebäude nur aus Bambus, Schnur, Stoff und Bienenwachs. Die Böden aus
Bambusmaterialien schweben in verschiedenen Ebenen über Wasser. Sämtliche
Bambusstangen der Konstruktion sind auf schwarzen Flußsteinen aufgeständert,
so dass sie vom Wasser geschützt sind. Ein unvorstellbar schönes Ambiente
und das Design im Innenraum des Bauwerks verkraften sogar die benötigte
Technik von Notebook, Telefonen und einem großen LCD-Bildschirm, ohne dass
diese stören.
Statement John Hardy, CEO John Hardy Jewelry:
«Indonesien ist für uns das Zentrum der Bambusarchitektur. Wenn ich heute
ein Bambushaus in New York errichte, wirft man mich möglicherweise ins
Gefängnis. Bauen mit Bambus wird einfach nicht verstanden in einer
Gesellschaft, die Zement und Beton gewöhnt ist. Indonesien hingegen ist ein
idealer Ort, um etwas Neues, Evolutionäres und Revolutionäres zu tun.»
Besonders sichtbar wird Hardys Ansatz neue Technologien mit ökologisch
korrekten Materialien zu kombinieren im Rechenzentrum der Firma. Von hier
aus wird Kontakt gehalten zu den weltweiten Vertriebsgesellschaften und zur
Kundschaft. Natürlich ist auch der Boden aus Bambus und selbst Computer
verschwinden wenn immer möglich hinter Bambusdekorationen.
Statement John Hardy, CEO John Hardy Jewelry:
«Es ist eine Herausforderung, ein Haus nur aus Bambus zu bauen: Zum Beispiel
den Leim, der giftig sein kann, durch Holznägel zu ersetzen. Wir haben auf
das balinesische Wissen um Bambus zurückgegriffen. Die Balinesen sind geborene Genies. Wir haben uns von ihren Konstruktionen beeinflussen lassen;
zum Beispiel auch beim Bau unserer Betriebsküche, die ausschliesslich aus
Bambus konstruiert ist.»
«Aus unserer Bambusküche haben wir nun auch Erdgas zum Kochen verbannt.
Heute kochen wir ausschliesslich mit Sägemehl, Reisschalen und Bambus.
Edelstahl ist gegangen, Bambus gekommen... Es ist schon eine unglaubliche
Möglichkeit: Die Ent-Globalisierung der Küche und der Welt. Wie verrückt zu
glauben, dass gutes Essen nur aus Edelstahlküchen kommen kann.»
Den absoluten Höhepunkt der Bamusbauwerke bildete das im Bau befindliche
3-Montain-Building auf dem Betriebsgelände der Schmuckproduktion des John
Hardy. Nach den Entwürfen des Bambusarchitekten Jörg Stamm entsteht hier ein
Fabrikgebäude aus Bambus, das von außen einer Zeltkonstruktion gleicht. Über
drei miteinander verbundene pylonartige Tragkörper spannen sich ca. 12m
lange "Bambussparren" nach zwei Seiten ab.
Von einem Masterstudenten der Fachhochschule Erfurt wurde die komplette
Struktur des Bauwerks in einem "Finite Elemente Programm" abgebildet, die
unterschiedlichen Lastfälle und Lasten angestezt und die maßgeblichen
Schnittkräfte berechnet.
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